D wie Depression

Jahrzehntelang habe ich Ärzten geglaubt, als sie mir „depressive Episoden“ bescheinigten.

Damit hatten die Gefühle von Niedergeschlagenheit – Erschöpfung – Verzweifelung – Mutlosigkeit einen Namen, wenn auch nicht viel mehr. Jahrelang habe ich in Therapiesitzungen die Ursache der „Depressionen“ ausfindig gemacht und bin auf viele Gründe gestoßen, z.B. unterdrückte Aggressionen oder Perfektionismus.

Bis mir vor etwa fünf Jahren eine befreundete Psychotherapeutin eindringlich den Unterschied zwischen Depression, Trauer und einem „Gefühlsmensch“ erläuterte.

  • Die Symptome einer Depression sind, dass man nichts oder nur wenig fühlt: man ist lethargisch, fühlt sich dumpf, hat nur wenig Zugang zu Gefühlen, man weint nicht.
  • Besonderes Merkmal von Trauer dagegen ist, dass viele oder oft Tränen fließen, dass man weinen muss über einen Verlust oder einen tiefen Schmerz. Man gibt seiner Trauer Ausdruck, ist traurig.
  • Viele Gefühle zu haben sind jedoch kein Zeichen von Depression, sondern lediglich eins von hoher Emotionalität…

Seit diesem Gespräch fällt mir auf, wie viele verschiedene Gefühle ich kenne und dass beispielsweise ein niedergeschlagenes Lebensgefühl ein Potpourri aus Verzweiflung – Hilflosigkeit – Ohnmacht ist. Für dieses Gefühlsgemenge gibt es oftmals handfeste Gründe, die sich entweder aus meiner Biographie, aus aktuellen Ereignissen oder auch aus der aktuellen weltpolitischen Lage speisen.

Da ich jedoch die verschiedenen Gefühle wahrnehmen, benennen und bestenfalls auch ausdrücken kann, bin ich nicht depressiv, sondern vielmehr quicklebendig:

Ein „Gefühlsmensch“ halt, der die Höhen und Tiefen des Lebens deutlicher spürt als andere.

Diese Botschaft halte ich für zutiefst beruhigend. Ich kann zwar nicht behaupten, dass es besonders spaßig oder leicht ist, 25 verschiedene Gefühle am Tag zu durchleben, aber seitdem ich mich daran gewöhnt habe, dass ich so bin wie ich bin, ist es auch nicht mehr dramatisch.

Im Gegenteil: für meine Arbeit als Coach ist es überaus hilfreich, dass mir nur sehr wenige Emotionen fremd sind.

Ich bin halt kein „lauwarm“-Typ, sondern eine, die weiß, wie sich etwas anfühlt und die Tiefe als Glück erfährt.

Viele meiner Gesprächspartner fühlen sich von mir verstanden und vertrauen mir schnell. Das hat mich oft erstaunt, bis mir klar wurde, dass mich Lebenserfahrungen – und zwar gerade die schmerzhaften, schwierigen Erfahrungen –  geprägt haben als Mensch und damit auch als Coach.

Was jedoch durch diesen Text, in dem es ja eigentlich um Depression gehen sollte, auch deutlich wird:

Depressionen können nur von Psychotherapeut*innen / Psychiater*innen und nicht von Coaches behandelt werden!

Jemanden der sich nicht fühlt, wäre es unsinnig Visionsfragen zu stellen. Jemanden der sich dagegen „nur“ niedergeschlagen und erschöpft fühlt, helfen mitfühlende Zuwendung und die richtigen Fragen, damit sie oder er die inneren Schätze wieder bergen kann.

Deshalb halte ich ein Vorgespräch vor dem Beginn eines Coachingprozesses für sehr wichtig. Nicht nur mein Gegenüber darf herausfinden, ob er oder sie sich bei mir gut aufgehoben fühlt, auch ich muss prüfen, ob mein Handwerkszeug das richtige ist für die mir vorgetragenen Anliegen. Erst wenn wir uns beide einig sind: „Ja, Bauchgefühl und Verstand stimmen zu“, beginnt die gemeinsame, fruchtbare Arbeit.


Die Autorin